Das Zentrum der Feierlichkeiten ist traditionell die mährische Metropole Brünn (Brno), wo der tschechische Weinfonds am 11. November um Punkt 11:00 Uhr die größte Verkostung des Landes eröffnet. Diese Martinsverkostung bietet Hunderte von Proben verschiedener mährischer und böhmischer Winzer an. Gleichzeitig finden überall in der Republik zahlreiche weitere Martinsfeste und kulinarische Events statt.
Das Recht, das offizielle Siegel „Svatomartinské víno“ mit dem Reiter auf dem weißen Pferd auf der Flasche zu führen, wird jedoch streng reglementiert. Die Winzer dürfen ausschließlich Trauben verwenden, die in der Tschechischen Republik gereift sind, und es sind nur bestimmte Rebsorten zugelassen, wie Müller-Thurgau, Mährischer Muskat, Blauer Portugieser oder St. Laurent. Seit 2005 ist der Weinfonds Inhaber dieser eingetragenen Marke und vergibt sie jedes Jahr nur an jene Erzeuger, deren Weine eine strenge Expertenkommission überzeugen.
Laut der alten Tradition ist der Verkauf des Jungweins bis zum 11. November strengstens untersagt. An diesem Feiertag werden die ersten Flaschen exakt um 11 Uhr und 11 Minuten entkorkt. Der Wein der neuen Ernte reift nur wenige Wochen und zeichnet sich durch seinen spritzigen, fruchtigen Geschmack aus. Um seine jugendliche Frische voll zu genießen, sollte er spätestens bis Ostern ausgetrunken werden.
Doch woher kommt dieser Brauch? Bischof Martin von Tours gilt als Patron der Armen. Gemälde und Fresken zeigen oft eine berühmte Episode aus seinem Leben als Soldat, in der er seinen Mantel teilte, um eine Hälfte einem frierenden Bettler zu schenken. Deshalb dient der Reiter als Symbol des Heiligen Martins. Es ist eine interessante Fügung, dass ausgerechnet der Tag eines für seine Bescheidenheit berühmten Heiligen zum Synonym für Weingenuss und reichhaltige Festmähler wurde.
In den tschechischen Ländern erhielten die Landarbeiter am St.-Martins-Tag zudem ihren wohlverdienten Lohn für die gesamte Saison, was traditionell mit üppigen Festessen (meist mit der klassischen Martinsgans) gefeiert wurde. Da um diese Jahreszeit oft der erste Schnee fiel, entstand das bis heute populäre tschechische Sprichwort: „Martin kommt auf einem weißen Pferd geritten“.